Der „Endmark“-Beweis
„Powered by emotion“ warb SAT
1 bis 2003. Dann erfuhr der Sender, dass zwei Drittel der Fernsehteilnehmer
keine Ahnung hatten, was das heißen sollte – ja dass einige
sich Übersetzungen zurechtlegten wie „Kraft durch Freude“
oder „Von Gefühlen gepudert“. Und so lautet
der Werbespruch seit 2004: „SAT 1 zeigt’s allen“.
Diese Einsicht folgte aus einer 2003 veröffentlichten Untersuchung
des Kölner Marktforschungsinstituts Endmark über die Verständlichkeit
von zwölf bekannten englischen Schlagworten für deutsche
Kunden – mit dem verheerenden Ergebnis: Im besten Fall hatten
59 Prozent verstanden, was gemeint war, im schlimmsten sogar nur 8
Prozent. Diesen Tiefpunkt setzte RWE mit seinem Spruch „One group,
multi utilities“. Heute heißt er „Alles aus einer Hand“.
RWE und SAT 1 gehören zu jenen acht der zwölf untersuchten
Unternehmen, die ihre Werbefloskeln seitdem geändert haben. Fürs
Deutsche hat sich sogar McDonalds entschieden, obwohl das Schlagwort
„Every time a good time“ mit 59 Prozent das bestverstandene war: „Ich
liebe es“ heißt nun die schlichte Werbung aus drei
deutschen Wörtern, die auf 100 Prozent Verständnis rechnen
können.
Die Werbeagenturen, auf die die englischen Sprüche zurückgehen, hatten sich
also geschäftsschädigend verhalten – vor allem aber
weltfremd: In ihrer Affenliebe zum Englischen hatten sie den Kontakt
zu ihren Landsleuten völlig verloren.
Ein paar naheliegende Einwände
1. Entspringt die Aktion nicht doch einer gewissen Deutschtümelei, irgendwo zwischen den Nazis und Turnvater Jahn?-
Durchaus nicht. Treffende und allgemein verständliche
Importe loben wir ja, egal aus welcher Sprache sie kommen, und auch
Hässlichkeit ist international: Shareholder Value ebenso wie
Beschlussfassung, Corporate Governance wie Nasshaftkraft. Im übrigen:
Gerade die Nazis wollten das Deutsche internationaler machen. Hitler
und Goebbels verbaten sich „das Herumwerfen mit altgermanischen
Ausdrücken“, und 1941 haben sie sowohl die altdeutsche
Druckschrift (Fraktur) verboten als auch die deutsche Schreibschrift
(Sütterlin).
2. Aber die Sprache entwickelt sich doch!
-
Nein: Die Sprache entwickelt „sich“ nicht – sie
wird entwickelt von denen, die sie sprechen oder schreiben. Luther
hat sie dramatisch entwickelt, Lehrer, Journalisten, Werbetexter entwickeln
sie permanent, ebenso die Vorkämpfer des feministischen Sprachgebrauchs
und der „Political Correctness".
3. Sind denn erfundene Neuerungen durchsetzbar?
-
Selbstverständlich – wenn sie gut
sind und mit einiger Hartnäckigkeit angeboten werden. Den „Supplikanten“
durch den Bittsteller zu ersetzen ist ebenso gelungen wie den „Aeroplan“
durch das Flugzeug. Selbst ein Regierungsbeschluss kann Wirkung haben:
Auf Weisung Bismarcks nahm die Deutsche Reichspost 1874 mit einem
Schlag 760 Eindeutschungen vor, und seitdem sagen wir nicht mehr Korrespondenzkarte,
poste restante und rekommandieren, sondern Postkarte, postlagernd
und einschreiben.
4. Aber sind ausgedachte Eindeutschungen nicht zwangsläufig zweite Wahl?
-
Keineswegs. Schon nicht bei der Postkarte
und beim Bittsteller. Und es kann passieren, dass die deutsche Erfindung
das ausländische Vorbild klar übertrifft: Aus dem Französischen
„acteur“ (eigentlich nur ein Mensch, der irgendetwas tut)
machte Philipp von Zesen (1619-1689) den ungleich anschaulicheren
Schauspieler; und den „nonproliferation treaty“ (für
englische Ohren: Nichtwucherungsvertrag, das Atom kommt gar nicht
vor) verwandelte das Deutschlandbüro der Associated Press 1966
in den Atomsperrvertrag oder Atomwaffensperrvertrag.
5. Kann es denn sinnvoll sein, sich von der einsam dominierenden Weltsprache abzu-koppeln?
-
Nein, und niemand will das. Englisch zu können
ist unstreitig erstrebenswert. Es aber so zu beherrschen wie ihre
Muttersprache, das schaffen die wenigsten. So bleiben drei Ärgernisse:
- Wer zwei Sprachen vermischt,
macht sich lächerlich (nach dem elsässischen Spruch: „Chass
de Gockel aus de Jardin“) und beschädigt beide Sprachen.
Alle großen Übersetzer – Luther, Schlegel/Tieck
– sind nicht zuletzt durch die Nichtvermischung berühmt
geworden.
- Lächerlich macht
sich auch, wer sich seiner Muttersprache schämt. „Häufig
tadeln unsere französischen Freunde unsere geradezu anbiedernde
Bereitschaft, auf internationalen Zusammenkünften auf den Gebrauch
der eigenen Sprache zu verzichten“ (Jutta Limbach, Präsidentin
des Goethe-Instituts, in der FAZ, 8.2.2005)
- Namhafte Wissenschaftler
und Pädagogen rügen die Vorherrschaft des Englischen in
der deutschen Wissenschaft: Sie führe zu geistiger Verarmung,
unbeholfener Rede und schließe 60 Prozent der Deutschen von
Teilhabe und Mitsprache aus.
